Und siehe der Herr ging vorüber und ein großer starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Winde aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. -Und nach dem Erd beben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein still sanftes Sausen. Die Urwesenheit des Seins. Die entscheidenden Dinge geschehen lautlos im Ge heimen, Verborgenen. Wirklichkeit im vollsten und tiefsten Sinne des Wortes, ist das, was man nicht hören und sehen kann. Nur die Zerstörung, die Gewalt, geht mit Donnern und Dröhnen, mit Blitzen und Flammenzeichen vor sich. Aber alles, was ist und lebt, ist unmerklich im Geheimen entstanden. Es hat noch niemand einen Baum wachsen hören. Das Hämmern und Klopfen des Werkeltags ist schon die Unvollkommenheit menschlichen Gemächtes. Je lauter eine Maschine hämmert und rattert, um so unvollkom mener ist sie; die vollkommene Maschine hört man kaum. Leben ist gesammelte, verhaltene Kraft, Leben ist gebanntes Chaos. Die sich selbst überlassene Kraft ist nur Teil und droht ins Chaos auszuschlagen, sich im All zu verlieren. Leben ist Ordnung zum Sinn, Chaos ist Abfall zum Un-Sinn. Leben ist Sinnbild des Ewigen, Chaos ist Sinnbild des Vergänglichen. Nun wissen wir zwar, daß alles Leben vergänglich ist, wie uns jeder Schmerz und die Sünde lehrt. Denn was sündigt und fehltest unvollkommen, und was un vollkommen ist, kann nicht ewig sein, sondern muß untergehen. Aber der Sinn des Lebens ist die Ewigkeit, der Sinn des Chaos die Vergänglichkeit. Die Urform allen geschaffenen Seins ist die Kugel. Kreis und Kugel sind geschlossene Form, um einen Mittelpunkt gelagert und somit Symbol des Einen und Ganzen. Die Gerade ist das Auseinanderstrebende, Chaoti sche, Partielle. Gerade und Fläche sind anonym, unbestimmt, wesenlos. Jede Gerade gleicht jeder anderen Geraden. Der Kreis ist nicht jedem andern gleich. Jeder noch so kleine Teil eines Kreises weist auf den Mittelpunkt hin und trägt somit das Wesen des Ganzen in sich; denn mit jedem noch so kleinen Teil eines Kreises ist schon der ganze Kreis gegeben. Der Kreis führt aus der ersten Dimension in die zweite, die Kugel aus der zweiten in die dritte, während Fläche und Gerade in ihrer Dimension bleiben. Sie können sich nur über Kanten und Ecken zur Ranmgestalt zu sammensetzen. Die Urformen allen Seins sind von kugeliger oder kugelähn licher Gestalt: Unsere Erde, die Sonne, der Mond, die Planeten und all die Millionen und Abermillionen Himmelskörper, von denen wir wissen. Die Planeten ziehen um die Sonne in kreisähn lichen Bahnen. Von den Fixsternen vermuten wir ebenfalls, daß sie sich in unendlichen Zeiträumen um einen unendlich entfernten Mittelpunkt bewegen. Nur von den Kometen, den Heimatlosen des Weltalls, wissen wir nicht, ob sie nicht in einer unendlichen Ge raden durch die Himmelsräume rasen. Die Urzelle organischen Lebens in Tier-und Pflanzenreich, das Ei, ist von runder, kugelähnlicher Gestalt. Die Natur mag die einzelnen Organismen außen zum Zwecke der Abwehr und deS Kampfes mit Nadeln und Stacheln, mit Hörnern und Krallen be gaben, das Leben und Sein der Wesen ruht in weichen, ausge rundeten Organen, die im Innern des Körpers eingebettet sind. Das Spitze, Scharfe und Eckige kann mittelbar als Organ des Kampfes dem Leben dienen, aber das Leben an sich ist stets von ausgerundeter Gestalt. Das Gerade und Spitze sind nur sekundäre, periphere Lebensformen. Der Kugel entspricht die in sich verweilende, quellende Kraft des keimenden Lebens, der Geraden die dynamische Kraft fort eilender Bewegung. Die Kugel ist die Urform organischen, die Gerade die Urform mechanischen Wesens. Unserem Un vermögen ans konstruktivem Wege das Leben zu "machen
", das Organische anorganisch aufzubauen, entspricht im Reich der Geo metrie die Unmöglichkeit der Quadratur des Kreises. Der Geraden entspricht die Gegenwart, der Augenblick, denn die forteilende Kraft ist nur in einem Augenblick, au einer Stelle Wirklichkeit, der Kugel entspricht die Dauer, denn die ruhende Kraft erneuert sich immer wieder ans sich selbst. Die Gerade ist Sinnbild der Aktivität, denn sie tritt aus sich heraus und in Fremdes ein. Die Kugel ist Sinnbild der Passivität, denn sie beharrt und währt in sich. Die Gerade ist Symbol des Männlichen, die Kugel Symbol desWeiblichen. Dem Männlichen haftet das Plötzliche,Vorübergehen de, dem Weiblichen das Dauernde, Verbleibende an. Im Bereich des Natürlichen ist das Weibliche bedeutsamer als das Männliche. Im Bereich des Geistes -beim Menschen -wirkt sich diese Urordnnng der Schöpfung so aus, daß der Mann, da er der Natur nicht so stark verhaftet ist, dem Geiste näher verwandt ist, daß er also gerade deshalb, weil er weniger Natur ist, mehr Geist ist. Daher ist der Vater das geistige Prinjip, das Vernünftige, Helle, Klare und die Mutter das natürliche Prinzip, das Dunkle, Verborgene, Tragende. Der Mann ist mehr als die Frau, insofern er mehr Geist und weniger Geschlecht ist als sie; insoweit er aber Geschlecht ist, ist die Frau mehr als er. Bei primitiven Völkern, die nur den Tier-Mann, nicht den Geist-Vater kennen, herrscht daher die Mutter. Die Frau ist vorwiegend Seele und Erde, daher ausgerundetes, geschlossenes, einzelhaftes, persönliches Sein, der Mann ist teils Erde, teils Geist, daher zwiespältiger, widersprechender. Als Erde ist er Willkür und Gewalt, als Geist ist er überpersönlich und objektiv. Eine modische Lebensphilosophie, die sich in ihrer Ethik aus schließlich an der Natur orientieren will, stößt auf die Schwierig keit, daß es dort zwei wesensverschiedene Lebensideale gibt: das pflanzliche und das tierische, das ruhend-passive und das bewegt-attive. Auch innerhalb des Tierreiches findet diese Zweiheit noch ihre Verkörperung in Fleischfresser und Pflanzenfresser. Wer hat nun recht -im Sinne dieser Naturethik -das sprungbereite Raubtier oder der flüchtende Hirsch. Wer soll dem Menschen Vor bild sein? Die Natur allein kann uns keine Antwort geben. Nur im Lichte des übernatürlichen Menschheitszieles können wir ihre Formen für unser Dasein richtig deuten. Die Pflanze ist die weibliche Urform des natürlichen Lebens. Die Einheit des Seins ist auf niederer Stufe noch rein und un\* gestört erhalten. Mit dem Tierreich tritt die Natur in ihre erste Problematik ein. Das männliche Geschlecht, das Prinzip der freien Bewegung, tritt sichtbar heraus. Es entsteht die Möglichkeit des Bösen.
Alles Leben auf der Erde setzt das pflanzliche Leben voraus. Wenn es keine Pflanzen gäbe, könnte es auch keine Tiere geben. Auch das Raubtier nährt sich von pflanzenfressenden Tieren. Auch das Raubtier muß, um sein Geschlecht fortzusetzen, seine Jungen austragen und säugen -also zu stillerem vegetativerem Dasein zurückkehren.
Das pflanzliche Sein ist Symbol der Wahrheit, des Wach sens aus der Tiefe und des Aufstrebens nach dem Licht; das tierische Sein ist Symbol der Freiheit. Der Mensch ist die höchste Schöpfung, in der die Idee des pflanzlichen und des tierischen Da seins zu -er Idee des Menschen vollendet worden ist -daß wir kraft der Wahrheit leben und kraft der Freiheit uns bewähren können.
## Senkrecht und
Waagrecht. Waagrecht ist der Horizont, der Himmel und Erde in zwei Hälften teilt, senkrecht ist der Pflanze Wuchs und des Menschen Gang. Aufrechtstand bejaht, Querlage verneint -wie Sprache und Schriftlichen deutlich bekunden. Das Tierreich ist verstrickte Schöpfung, es gibt kein Tier mit einer vollkommen aufrechten Haltung; ste sind alle der Erde zuge kehrt, auch der Vogel über uns. Und am niedersten bezeichnen wir die Tiere, die dem Boden am nächsten sind, daher die Feindschaft zwischen Mensch und Schlange. Die Schlange, die am Boden kriecht, verkörpert das horizontale Prinzip der Verneinung, des Abfalls von der Schöpfung, während der Mensch in seinem aufrechten Gang gleich sam Himmel und Erde in sich trägt, Geist und Körper in einem ist. Senkrecht ist Schwerkraft, ist Stabllität, ist Tiefe und Höhe, waagrecht ist Indifferenz, ist Labilität, ist Weite und Ebene. Oben und unten ist absolut, links und rechts ist relativ. Oben und unten verkehren, heißt die Dinge auf den Kopf stellen, links und rechts kann man -wie der Spiegel zeigt -vertauschen, ohne das Wesen der Dinge anzurühren. Das Senkrechte ist die Dimension der Bezogenheit zum Erdmittelpunkt -als dem phyischen und symbolischen Mittelpunkt unseres Seins. Das Senkrechte ist daher an sich schon wesenhaft, sinnvoll, bestimmt; Höhe und Tiefe drücken an sich schon etwas aus, während das Waagrechte, wesenlos, un bestimmt, erst in Beziehung zum Senkrechten -als Fülle und Breite -Ausdruck gewinnt. Der Baum ist Sinnbild der Struktur des Lebens: der senk rechte Stamm als führendes und die waagrecht in die Breite aus-
wäre es nur eine Tagereise entfernt, berührt uns nur mittelbar. Das soll nicht heißen, daß uns das Schicksal der Nachbarn nichts anginge; wir sind für alles mitverantwortlich; aber das Sein des Nachbarn wurjelt in einer anderen Erde, steht unter anderen Sternen und ist nur mittelbar durch den gemeinsamen Grund der Welt mit unserem Sein verbunden. Es ist eia großer Unterschied zwischen der Verbundenheit und Verantwortlichkeit des Neben einander und der Wesenszugehörigkeit des Übereinander. Was neben uns ist, tritt -im Waagrechten -zumeist als Spannung und Gegensatz zu uns auf. Nur in einer unendlichen Senkrechten läuft alles aufeinander zu, vereinigt sich alles wieder in einem Punkt. Ohne den Himmel über uns und die Erde unter uns wären wir nicht, aber ohne das Land und das Volk neben uns wäre unser Sein denkbar. Das Leben ist Einheit in der Tiefe, in Gott -nicht Einheiüichkeit in der Dimension, in der Breite. Und was im Raum gilt, gllt auch in der Zeit. Sich nicht dem Augenblick, der Gegenwart ganz hingeben, nicht dem Zeitgeist ver fallen, sondern aus der Vergangenheit für die Zukunft, von Ewig keit zu Ewigkeit leben! Denn wir sind nicht dazu da nur für uns, für den Augenblick zu leben, sondern um im Geiste unseres ErbeS für unsere Erben zu wirken. So soll auch die menschliche Gemein schaft erst vom Vater auf den Sohn und dann von Bruder zu Bruder gehen. Der Vater ist das Ganze, die Kontinuität, der Bruder ist der Teil, die Aktualität. Der Mythos des Vaters reicht in die Vergangenheit hinab, zu denen, die vor uns waren, und weist in die Zukunft hinein, zu denen, die nach uns kommen werden. Der Mythos des Bruders gilt den Lebenden, der Gegenwart, der Diesseitigkeit. Die Vateridee weist notwendig über sich hinaus ins überzeitliche, überweltliche, Ewige; die Bruderidee ist Bejahung der Zeit, des Augenblicks, der Wirklichkeit. Der Vater ist die Tra dition, das Blut, die gewordene Gestalt; der Bruder fordert die Gleichheit, die Vernunft, die Organisation. Der Vater ist das Sym bol des gegliederte» Volkes, der Bruder ist das Symbol der ein heitlichen Masse. Der Vater ist das Erste, der Bruder ist das Zweite. Wohl kann eine Gemeinschaft ohne Bruderliebe nicht sein. In
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